„Wir sind technologisch unabhängig“

NOMOS Gründer Roland Schwertner. Copyright: NOMOS Glashütte.

Gespräch mit NOMOS Glashütte-Gründer Roland Schwertner und Markenchefin Judith Borowski über die neomatik-Modelle der Marke und deren neues Werk DUW 3001

Herr Schwertner, Frau Borowski, 2015 sorgte NOMOS Glashütte für Aufsehen mit der
„neomatik 1st edition“. Was hat Sie dazu bewogen?

Schwertner: Dazu will ich ein bisschen ausholen. Früher war eine elegante Uhr golden und mechanisch. In den 70er Jahren wurde die elegante mechanische Uhr dann durch Quarzuhren abgelöst, die verbliebenen mechanischen Uhren waren sportliche Automaten (Anmerkung MIF: Eine mechanische Uhr, die sich durch die Bewegung des Handgelenkes über einen Rotor selbst aufzieht). Handaufzugsuhren waren an sich überflüssig geworden.

Unsere Idee war es, elegant-flache mechanische Uhren aus Stahl zu machen und eben nicht aus Gold oder vergoldet. Das war sehr besonders. Das Modell Ludwig mit römischen Ziffern und einem Stahlgehäuse hat damals die „Vogue“ fasziniert, weil es so ungewöhnlich war. Das haben wir konsequent durchgezogen, bei allen Modellen. 
Allerdings: Diese flachen eleganten Modelle waren natürlich allesamt Handaufzüge. Wir lieben sie sehr. Damals wie heute sind jedoch neun von zehn mechanischen Uhren, die beim Juwelier über den Ladentisch gehen, Automatikuhren.

…was ist denn so anders bei Automatikuhren?

Schwertner: Es war immer unser Ziel, elegante Uhren zu machen. Mit Automatikwerken ging das bis dato aber nicht so gut. Elegant und automatisch: das war ein Widerspruch. Denn automatische Werke sind einfach dicker. Fast alle Werk-Konstruktionen, die noch heute verbaut werden, gehen auf die frühen Siebziger zurück, als man noch nicht in der Lage war, feinere Konstruktionen zu festigen.
Mit neomatik nun zeigen wir, dass wir diesen Widerspruch auflösen können, dass wir in der Lage sind, Automatikuhren zu bauen, die handaufzugsschlank und daher sehr elegant sind. Wir haben das geschafft! In den Uhren dieser Serie arbeitet mit Automatikkaliber DUW 3001 ein sehr flaches, automatisches Werk, das obendrein noch extrem ganggenau und zugleich bezahlbar ist.

Dieses hochpräzise Werk ist so flach geworden, dass wir damit sogar Damenuhren fertigen können. Daher haben wir nicht nur weiß versilberte Uhren mit blauen Zeichnungen gefertigt. Sondern einige Uhren mit diesem Kaliber auch leicht feminin gestaltet, in Neon-Orange auf Champagner. Keine expliziten Damenuhren, aber doch: mutig. Damit haben wir einen Trend gesetzt.

NOMOS Designchefin Judith Borowski. Copyright: NOMOS Glashütte

Champagnerfarben ist schon sehr speziell. Ist diese Uhr auch etwas für Männer?

Borowski: Klar, das ist Typsache. Die champagnerfarbenen neomatik-Uhren sind für mich schon Uhren, die auch Männer tragen können, sie waren jetzt auch im „Playboy“ abgebildet. Auch Asiaten tragen sie sehr gern, vielleicht liegt das auch am Hauttyp. Und Briten finden neomatik ebenfalls klasse.

Schwertner: Die Modelle Ahoi und die Tangente mit 38 und 40 Millimetern Durchmesser richten sich vor allem an Männer. Auch die neue Tetra neomatik hat einen deutlich maskulineren Charakter. Die anderen NOMOS-Uhren können Männer und Frauen gleichermaßen tragen: Es liegt eher am jeweiligen Handgelenk, was wem besser steht.

Was unterscheidet die 1st edition von der Serie?

Schwertner: Wir haben 3001 Stück der neomatik 1st edition gebaut. Da die Werke bei NOMOS Glashütte immer durchnummeriert sind, ist klar: Ab Werkenummer 3002 fängt die Serie an. Auch auf den Zifferblättern gibt es ein Erkennungsmerkmal. Das NOMOS-Logo der Serienuhren ist goldfarben und nicht neon-orange wie das der der 1st edition. Ansonsten gab es jedoch kaum Änderungen; auch den Preis haben wir nicht verändert.

Borowski: Wir hatten gedacht, dass die 1st edition bis Ostern 2016 reicht, aber schon vor Weihnachten war sie bei uns weg. Nach Ostern wurde die Serie ausgeliefert, früher haben wir dies nicht geschafft.

Welche Neuerungen bietet das eigene Uhrwerk DUW 3001?

Borowski: DUW 3001 ist bereits das zehnte eigene Uhrwerk von NOMOS Glashütte – in allen unseren Uhren ticken ausschließlich hauseigene Kaliber. DUW 3001 ist besonders innovativ, mit nur 3,2 Millimetern Höhe extrem schlank und gleichzeitig extrem ganggenau. Das Uhrwerk hat den Chronometertest der deutschen Chronometerprüfstelle in Glashütte bestanden; diese Uhren sind also chronometerfähig. Die einzelnen Uhren haben allerdings kein Chronometerzertifikat, denn das Procedere würde die Modelle unnötig verteuern. Ohnehin: Üblicherweise sind flache Uhren sehr teuer. neomatik-Modelle mit DUW 3001 kosten jedoch unter 3000 Euro, was im Branchenvergleich günstig ist.

Wieviel Entwicklungsaufwand steckt darin?

Schwertner: Wir haben insgesamt 15,1 Millionen Euro investiert. Wir haben sieben Jahre geforscht. Zuerst haben wir am Rädersatz gearbeitet, dann das eigene Assortiment (Anmerkung MIF: Herz der mechanischen Uhr), das NOMOS-Swing-System, entwickelt. Und dann das Werk DUW 3001, wobei die Abkürzung DUW für „NOMOS Glashütte Deutsche Uhren Werke“ steht. Hierfür hat unsere große Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Glashütte teils auch mit der Technischen Universität Dresden und dem Fraunhofer-Institut kooperiert.

Nach der „Glashütte-Regel“ müssen Uhrenhersteller mehr als 50 Prozent der Wertschöpfung vor Ort in Glashütte schaffen, um die Herkunftsbezeichnung „Glashütte in Sachsen“ führen zu dürfen. Wieviel macht NOMOS selbst?

Schwertner: Je nach Modell sind es bei uns bis zu 95 Prozent. Wir haben alle nötigen Technologien im eigenen Haus, wir haben alle Prozesse selbst im Griff, das ist uns extrem wichtig.

Bei einigen wenigen Teilen wie etwa Lagersteinen und Zugfedern jedoch ist klar: Diese Handvoll Spezialteile kaufen wir ein, hierfür haben wir Kooperationspartner. Aber generell gilt: Wir brauchen technologisch das Wissen und die Praxis, wir müssen das selbst machen.

Das Interview ist der erste von drei Teilen, die Men’s Individual Fashion 2016 auf der Baselworld Uhrenmesse mit Roland Schwertner und Judith Borowski geführt hat. Das Gespräch führten Christine Fröhlich und Christian Frosch. Das Titelbild zeigt das NOMOS Swing-System und ist ein NOMOS Pressebild/Copyright: NOMOS Glashütte. 

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