„Wir teilen das Schicksal von Frauen“

Gespräch mit NOMOS-Glashütte-Gründer Roland Schwertner und Markenchefin Judith Borowski über die Marke und den Erfolg von NOMOS Glashütte

NOMOS Gründer Roland Schwertner. Copyright: NOMOS Glashütte.

Herr Schwertner, wie kommt es eigentlich, dass Sie als EDV-Mann und Fotograf in Glashütte eine Uhrenfirma gegründet haben?

Schwertner: Immer, wenn vor der Wende im Westen an den Uhrmacherschulen von Glashütte gesprochen wurde, traten den Lehrern Tränen in den Augen. Viele waren an der deutschen Uhrmacherschule in Glashütte ausgebildet worden – Glashütte galt bis zum Krieg schon als das große Zentrum der Feinuhrmacherei. Ich habe zur DDR-Zeit ein Buch über Glashütte gelesen und mich dann erinnert, dass ich schon als Zehnjähriger dort war, bei einer Tante, die im Nachbarort lebte, Tante Else. Die habe ich nach dem Mauerfall besucht. Und mit den Leuten dort gesprochen. Die Idee, sich in Glashütte für „die Uhr“ zu engagieren, kam schnell. Früher schon hatte ich eine Uhrenfirma im Westen in Sachen IT beraten. Und als Modefotograf hatte ich auch gearbeitet. Diese Erfahrungen halfen mir. Und dann, glaube ich, hat eher die Idee mich gepackt als ich die Idee.

Eine Besonderheit beim Uhrenhersteller NOMOS Glashütte ist, dass Sie sowohl Markenführung als auch Produktion in Eigenregie unternehmen. Wie funktioniert das genau? Das hippe Berlin prallt dann auf das abgeschiedene Glashütte?

Schwertner: Wir versuchen natürlich, dass sich das ergänzt. In Glashütte bauen wir die Uhren, die Markenführung geschieht in Berlin bei der NOMOS-Tochter Berlinerblau. Man kann in der Abgeschiedenheit Glashüttes zwar perfekte Zeitmesser bauen. Neben Akribie, Geduld und wahnsinniger Exaktheit braucht es dafür unter anderem auch eine ungeheure Wiederholgenauigkeit. Wenn wir versuchen würden, das in Berlin hinzubekommen, mit all den Individualisten dort, wäre jede Uhr anders (lacht). Qualität in Serie geht so nicht. Andersherum wollen wir jede Uhr zu etwas Besonderem machen, das geht nicht in Glashütte, aber in Berlin. Wir schaffen es derzeit, dass das sehr, sehr gut zusammengeht.

NOMOS Design Chefin Judith Borowski. Copyright: NOMOS Glashütte.

Frau Borowski, Sie leiten Berlinerblau. Wie sehen Sie das?

Borowski: Berlinerblau mit gut 30 Mitarbeitern ist eine hundertprozentige Tochter von NOMOS Glashütte und funktioniert eher wie eine Abteilung als wie eine Agentur. Die Brücke zwischen Glashütte und Berlin ist zwar nicht immer einfach zu schlagen. Stadt-Land, Ost-West, Kreative hier, Handwerk. Kaufleute und Industrie dort…. Aber unterm Strich ist das toll. Und externe Werbe- und Designagenturen wissen oft zu wenig von dem, was im Unternehmen wichtig ist.

Wir machen bei Berlinerblau Text, Social Media, Foto, PR und Film, aber auch Produktdesign und den Online Store. Ab und zu holen wir mal einen Fotografen oder Filmer dazu, arbeiten mit externen Künstlern und Designern zusammen, im Prinzip jedoch machen wir alles selbst. Wir beschäftigen uns mit Farben und Formen, mit Kunst, manchmal auch längere Zeit mit einer einzigen Farbe. Wir experimentieren viel und haben einen riesigen Schrank voller Entwürfe, die wir nie auf den Markt gebracht haben.

NOMOS Glashütte ist unabhängig, gehört zu keinem großen Uhrenkonzern. Wie haben Sie das geschafft?

Schwertner: Wir haben immer viel riskiert. NOMOS Glashütte ist eine Kommanditgesellschaft mit persönlich haftendem Gesellschafter. Aber eigentlich sind wir eine Aktiengesellschaft: Unsere Kunden als Aktionäre entscheiden mit ihrer Wertschätzung für die eigene Uhr über unseren Erfolg. Von den fünf Eigentümern von NOMOS Glashütte arbeiten vier im Unternehmen, zwei sitzen vor Ihnen (grinst stolz). Früher war Manufactum an NOMOS Glashütte beteiligt. Als Otto bei Manufactum einstieg, haben wir Otto ausbezahlt (ist sichtlich stolz darauf). Wir wollten nicht Teil eines Konzerns werden. Unabhängig ist einfach schön.

Wie hat sich NOMOS in den letzten Jahren entwickelt?

Schwertner: Mir ist gerade eine Peinlichkeit passiert: Ich habe Mitarbeiter von NOMOS nicht erkannt. Ich werde älter (lacht). Wir wachsen derzeit stark. In Glashütte bauen wir ständig an und aus. Wir haben dieses Jahr (gemeint ist das Jahr 2016) weit über 50 neue Mitarbeiter eingestellt, der Ort hat nur ca. 2000 Einwohner. Es gibt einige, die sich überlegen, das ist eine nette Firma, da will ich auch mal arbeiten. Wir sind nett zu unseren Mitarbeitern. So gab es soeben etwa wegen des großen Erfolges des neuen Werkes DUW 3001 eine Prämie über 3001 Euro. Das war in Glashütte eine Nachricht.

NOMOS bietet hochmoderne Technik, aber wird vor allem über das Design wahrgenommen…

Schwertner: Wir teilen das Schicksal von Frauen, die sind einfach schön. Klug interessiert oft erstmal nicht – und dann sind alle überrascht, wenn sie es bemerken. (Judith Boroswksi verdreht die Augen) Aber ich will keine Altherrenwitze reißen, sondern: Das Thema Eigenfertigung, das Selbermachen und dieses beständige Feilen an unserer technologischen Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, das überrascht und überzeugt. Bei NOMOS Glashütte sind Gestaltung und uhrmacherische Leistung gleichberechtigt, wir betreiben beides mit dem gleichen Aufwand. Und wir arbeiten fokussiert: Wir haben nur etwa 70 Uhrenvarianten, können uns somit ganz auf die Qualität konzentrieren. Dieses Jahr (gemeint ist wiederum das Jahr 2016) sind nur wenige Neuheiten hinzugekommen – und wir wachsen mit diesen erneut um rund 30 Prozent. Dies ist in diesen Zeiten schon außergewöhnlich und auch: großes Glück.

Herzlichen Dank für dieses spannende Gespräch!
Gern geschehen.

Das Titelbild zeigt das Modell NOMOS Glashütte Zürich Weltzeit. Das Interview ist der dritte und letzte Teil eines dreiteiligen Gesprächs, das Men’s Individual Fashion 2016 auf der Baselworld Uhrenmesse geführt hat. Das Gespräch führten Christine Fröhlich und Christian Frosch. 2017 hat NOMOS Glashütte seine Kollektion sehr verbreitert und 2018 eine weitere Modellfamilie eingeführt. 

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