Die Grenze im Inneren

Als ich in der Berliner Niederlassung von NOMOS Glashütte für vier Wochen deren Schwimmeruhr „Ahoi Atlantik“ entgegennehme, habe ich eine Idee. Eine lange aufgeschobene Angst für immer zu besiegen: Den Sprung vom 10 Meter Turm. Judith Borowski, Markenchefin und Miteigentümerin von NOMOS ist von dieser Idee ganz angetan. Mit der geliehenen Uhr den großen Sprung tun. Ein Mann, der sich was traut. Keine Bedenken, vielmehr der Wunsch, ein Photo davon sei doch etwas schönes.

Knapp vier Wochen später bin ich mit einem Freund in einem Freibad um es zu tun. Der Kurier holt die Uhr übermorgen bei Men’s Individual Fashion ab. ,,Das ist aber hoch“ sage ich als wir die Sprunganlage mit ihren vier Türmen sehen. Als Halbstarker bin ich mit Freunden vom 5 Meterturm gesprungen, die näheren Umstände sind hier nicht zitierfähig. Doch heute ist alles anders. Ich habe mir versprochen es zu tun und es gibt keine Ausreden. Es geht nicht um Wettbewerb oder mein Ego, es geht darum diesen Sprung zu machen. Es ist Teil der Mission.

Die Leiter ist aus Edelstahl, steil und nicht angenehm. Wir stellen uns dem gesamten Sprungprogramm: Drei und fünf Meter gehen. 7,5 Meter fühlen sich schon etwas anders an, die Erdanziehung ist spürbar. Ein Gewitter zieht auf. Wir melden beim Bademeister die größte Höhe an. Beim Heraufklettern auf 10 Meter kommt es zu einem kleinen Wortgefecht mit meinem Freund. Ich will Angst nicht aufkommen lassen. Ich will es tun. Für den Artikel, für Men’s Individual Fashion und weil ich es ein für alle mal hinter mich bringen will.

Meine Intention ist klar. Springen ohne zu zögern. Zögern verursacht Angst. Als ich ganz oben stehe, bin ich ruhig. Der Turm bietet eine gute Aussicht über das Freibad. Ohne Nachzudenken springe ich. Als es getan ist schreie ich wie ein Neandertaler. Mann und Uhr sind noch ganz. ,,Zeigt sie noch die Zeit?“ Ja, tut sie. Erkenntnis des Tages: Die feste Absicht etwas zu tun an das man glaubt ist etwas sehr mächtiges. ,,Das ist aber hoch“ sage ich wieder als ich auf die Sprunganlage zurückschaue als wir das Freibad verlassen.

Des Abends kommt die Angst mit voller Wucht zurück. Denken ist nicht unbedingt hilfreich. Eine Entscheidung fällt: 10 Mal den Sprung tun, um das Thema ein für alle mal zu erledigen. Die ersten Sprünge gehen gut, dann kommt der Schmerz. 82 Kilo und Ahoi prallen auf ein 4,5 Meter tiefes Tauchbecken. Bei einem der Sprünge berühren meine Füße sogar leicht den Boden. Ab dem fünften Sprung tut es richtig weh. Das Weichei in mir meldet sich zu Wort. Die Bilder und Videos sind ja gemacht, warum also weitermachen. Ich mache weiter. Nummer 7 ist der schwierigste Sprung, alles schmerzt, mein Oberkörper ist ganz rot. Nach zehn Sprüngen brülle ich wie ein Gorilla. Ich habe Prellungen an den Fußsohlen und an beiden Armen und Beinen. Es wird zwei Wochen dauern bis die Prellungen in all ihrer Farbenpracht verschwunden sind. 

Meine Freundin kann sich am Abend nicht entscheiden, ob ein solch geschundenes Testosterongeschöpf Objekt ihrer Begierde oder ihrer Pflege sein soll. Die hochstrapazierte Presseuhr hat NOMOS Glashütte am nächsten Tag abholen lassen und deren Serviceabteilung hat bei der uhrmacherischen Überprüfung keine Beeinträchtigungen der Uhr festgestellt (inklusive Testsprünge sind wir damit etwa 20 Mal aus mindestens 5 Meter Höhe gesprungen). Das ist umso beeindruckender als ich drei Mal den „Fallschirm“ (Ausfahren der Arme zum Bremsen im Wasser) vor dem Eintauchen aufgespannt habe und die Uhr am Arm horizontal auf das Wasser geprallt ist. Irgendwie ist es beruhigend zu erkennen, dass der Mensch doch verletzlicher ist als ein hochentwickeltes Glashütter Qualitätsprodukt aus Stahl und verstärktem Saphirglas.

Schreibe einen Kommentar