Deutschland, ein Modeland #1: Trigema

Photo Copyright: Trigema.
Photo Copyright: Trigema.

 

 26. Juni 2015

 

 Mich laust der Affe

 

Ich gehe gerne nach dem Schwimmen Freitags in die Sauna. Die Bademeister dort haben immer Trigema Sachen an, genauso wie viele Leute beim Sport. Trigema war in meiner Wahrnehmung immer ein Hersteller für den Normalo. Einer der Gründe warum ich Men’s Individual Fashion gegründet habe, war über Mode für normale Männer zu schreiben. Trigema, bekannt durch die Werbung mit einem sprechenden Affen und Traditionshersteller aus Burladingen auf der schwäbischen Alb, war dafür die erste Adresse. Trigema fragt vorab mehr nach als andere Hersteller, ist aber dafür auch sehr offen, als ich das Unternehmen besuche.


 

Der Affe begegnet mir auf dem geparkten Firmenhubschrauber das erste Mal und dann auf einem großen Bild mit dem Firmeninhaber Wolfgang Grupp in der Eingangshalle. Seine Kinder haben es ihm anlässlich der Feier zum 45 jährigen Bestehen der Marke Trigema geschenkt, sie arbeiten ebenfalls im Betrieb. Bei Trigema gibt es keinen Pförtner, ich melde mich über ein Telefon am Eingang an. Im Treppenhaus hängen Familienfotos. Der gedruckte Katalog, um den ich bitte, kommt aus einem unscheinbaren Karton, der in einem Fabrikgang steht. Dafür sind die Strickmaschinen auf dem allerneusten Stand. Die Designerin Frau Schwarz erklärt mir wie mein Pulli (der nicht von Trigema stammt) hergestellt wurde und welche Verfahren Trigema anwendet. Als ich ein Foto einer Maschine mache, fragt sie den Techniker, ob er diese für mich anhalten kann. Ich winke ab, zuviel der Aufmerksamkeit, es geht auch so sehr gut. 

Strickmaschine. Photo: Men's Individual Fashion.
Strickmaschine. Photo: Men's Individual Fashion.

 

Während unseres Rundgangs treffen wir immer wieder hochkonzentrierte Arbeiter, die färben, schneiden, Maschinen kontrollieren oder nähen und dabei recht gut gelaunt zu sein scheinen. Im großen Nähsaal beeindruckt mich die Endkontrolle, in der die Damen dort penibel viele Stücke am Tag auf Fehler kontrollieren müssen. Die Produktionsassistentin räumt ein, dass die Endkontrolle mit Prüfziffer kein einfacher Job ist. Jeder Fehler sei zurückverfolgbar. In der Zuschneiderei wird am Computer die optimale Stoffausnutzung festgelegt. Schnittmuster sehen aus wie ein Puzzle, mit möglichst wenig freier Fläche. Die Schnittreste verarbeiten die Auszubildenden zu Handyhüllen, schließlich sind wir im sparsamen Schwaben. Trigema beliefert nicht nur meine Sauna, sondern auch viele Vereine und Firmen, die spezielle bestickte T-Shirts oder Arbeitskleidung haben wollen. Auch bedruckte T-Shirts für Junggesellenabschiede gibt es. Warnwesten für Straßenarbeiten in leuchtendem Orange gehören zu den Kleidungsstücken, die gerade gefertigt werden, als ich zu Besuch bin. 

Stoffrolle in der Produktion. Photo: Men's Individual Fashion.
Stoffrolle in der Produktion. Photo: Men's Individual Fashion.

Cradle to cradle- kompostierbares T-Shirt


Trigema hat das weltweit erste komplett kompostierbare T-Shirt entwickelt, das innerhalb eines Jahres auf dem Kompost verrotten kann. Sogar eventuelle Knöpfe sind abbaubar, weil diese aber sehr langsam verrotten, empfielt Trigema sie vorher zu entfernen.

 

Vorgestellt 2010 auf der Weltausstellung in Shanghai, vertreibt Trigema diese Öko-Innovation unter der Linie „Trigema change“. Die Auswahl an Farben ist etwas eingeschränkt, aber immernoch recht breit.  Trigema produziert nur in Deutschland und bezieht sein Material nur aus der EU. Im Betrieb entsteht ein Kleidungsstück von Grund auf. Die Firma produziert vom Stoff bis zum Aufdruck alles selbst. Trigema ist neben Vaude das einzige bekanntere und größere Textilunternehmen, das schon 2014 dem Textilbündnis für Nachhaltigkeit beigetreten ist, das nach dem Einsturz einer Fabrikhalle in Bangladesch gegründet wurde (inzwischen sind einige große Unternehmen gefolgt). Viele Stücke von Trigema haben gedruckte Etiketten im Kragen um ein Kratzen zu verhindern. Ich hatte zuerst vermutet, dass nur dünnere Kleidungsstücke diese Besonderheit haben, es werden aber nach und nach alle Stücke umgestellt. Ohne Etikett kann ich mein Trigema Poloshirt nicht daran aufhängen, aber vielleicht soll diese Innovation ja zu Kleiderbügeln erziehen (was sehr unterstützenswert ist). 


Um von Kaufhäusern und Discountern unabhängig zu sein, baute Trigema ein Netz von sogenannten „Testgeschäften“ auf. Trigema vertreibt seine Produkte über inzwischen 45 dieser Testgeschäfte in ganz Deutschland. Hinzu kommt ein Shop im Flughafen von Stuttgart und ein 2014 in Berlin eröffneter Flagshipstore in der „Mall of Berlin“. Seit 2004 verkauft Trigema auch über seine Internetseite, etwa 10 Prozent des Umsatzes macht Trigema online. Trigema produziert viel auf Lager, so dass sie schnell liefern können. Nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft kreierte Trigema sehr schnell ein T-Shirt „Wir können alles, auch Weltmeister“, welches sich gut verkaufte. Eine Adresse in Deutschland wird in der Regel innerhalb von 24 Stunden beliefert.


Unternehmenssitz von Trigema in Burladingen. Photo: Men's Individual Fashion.
Unternehmenssitz von Trigema in Burladingen. Photo: Men's Individual Fashion.

 

Traditionsfirma aus Burladingen- am Ende der Welt


Auch wenn Burladingen nicht gerade der Nabel der Welt ist (die Namen der Nachbarorte signalisieren dies deutlich) hat es Trigema zu bundesweiter Beachtung gebracht oder gerade deswegen bringen müssen. Trigema wurde 1919 kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges als Mechanische Trikotwarenfabrik Gebrüder Mayer KG gegründet. Die heutige Unternehmenszentrale steht immernoch in der Josef-Mayer-Straße. Der Zweite Weltkrieg und die Folgen brachten die Firma in große Schwierigkeiten. 1969 übernahm Wolfgang Grupp die Unternehmensleitung und modernisierte das Unternehmen. Er setzte neben Trikots auf T-Shirts, vereinfachte vieles und etablierte Trigema (Abkürzung des ursprünglichen Firmennamens) als heutige Marke. 


Firmeninhaber Wolfgang Grupp mit dem Werbeaffen auf einem Porträt in der Eingangshalle. Photo: Men's Individual Fashion.
Firmeninhaber Wolfgang Grupp mit dem Werbeaffen auf einem Porträt in der Eingangshalle. Photo: Men's Individual Fashion.

 

Das Marketingaushängeschild neben der Persönlichkeit Wolfgang Grupp ist der Trigema Werbeaffe. In der Werbung setzt Trigema auf die Masse. Vor der Tagesschau läuft regelmäßig der Werbespot mit einem scheinbar sprechenden Affen. Trigema warb fast zwanzig Jahre lang als Trikotsponsor von Bundesligavereinen, später dann mit dem Affen. Trigema nutzte als erste deutsche Firma Werbung auf Verkehrsflugzeugen und verwendet riesige Werbetafeln an Autobahnen. 

Testgeschäft Burladingen. Photo: Men's Individual Fashion.
Testgeschäft Burladingen. Photo: Men's Individual Fashion.

In Burladingen gehe ich in ein Testgeschäft. Es sieht von außen aus wie ein großes Lager. Es wäre unfair es langweilig zu nennen, aber es ist ein Kleiderladen ohne größeren Stylingeffekt. Es gibt eine Kinderspielecke (wie in einigen wenigen anderen Testgeschäften auch) und eine Nähmaschine, die zu Dekozwecken im Eingangsbereich steht. Der Service ist sehr gut, die Damen sind aufmerksam und freundlich. Trigema wirbt damit, es habe noch nie wirtschaftlich bedingte Entlassungen gegeben. Dies lässt die Vermutung zu, wegen schlechter Leistung könnte der eine oder andere Mitarbeiter schon einmal aus dem Unternehmen geschieden sein. Und an diesem Nachmittag funktioniert es bei mir, Trigema hat mich erwischt, ich kaufe ein lila Poloshirt (in einiger Zeit schreiben wir in der Rubrik Erfahrungsberichte darüber) und eine Tasse mit dem Affen darauf. 

Selfie im Flagshipstore.
Selfie im Flagshipstore.

Bei einem Besuch einige Wochen später bei einem Freund in Berlin gehe ich in den Flagshipstore, zehn Minuten vom Checkpoint Charlie entfernt, in der „Mall of Berlin“. Auf dem Weg dorthin überlege ich mir, ob dort auch Schwaben arbeiten, die die Gruppsche Firmenpolitik verinnerlicht haben. Aber ich habe es nicht verstanden, die Verkaufsdamen sprechen mit Berliner Dialekt, eine penible Verkäuferin von der Schwäbischen Alb würde nicht zu einem riesigen Einkaufszentrum mit vielen Touristen passen.

 

Eine der Verkäuferinnen erzählt mir, wie sie sich entschieden hat auch im mittleren Alter nochmal das Unternehmen zu wechseln. Die persönliche Art von Herrn Grupp habe den Ausschlag gegeben. In Berlin ist Trigema etwas schicker. Der Laden strahlt ganz in weiß und ist sehr modern. Die Botschaft ist die gleiche, Touristen wollen wissen, ob wirklich alles in Deutschland produziert werde. Ja, versichert die Verkäuferin und erzählt die Story vom Familienunternehmen Trigema. Die Kleidung dort ist teurer (genausowie wie eine Direktbestellung) als in den Testgeschäften. In den Testgeschäften gilt ein "Original Fabrikpreis". 

Flagshipstore Berlin. Photo: Men's Individual Fashion
Flagshipstore Berlin. Photo: Men's Individual Fashion

Keine schicken Boutiquen- wen störts?


Am Ende meines Besuches in Burladingen treffe ich einen Mann, den ich bislang nur aus lautstarken Fernsehauftritten und Zeitungsberichten kenne. Markante Farben, gefärbter Kragen und Einstecktuch sind sein modisches Markenzeichen. In Talkshows prangert er mit drastischen Worten verantwortungslose Unternehmen und Manager an und wirbt für sein Modell eines verantwortungsvollen Unternehmens, welches er als Einzelkaufmann führt. Wolfgang Grupp ist seit Jahrzehnten Inhaber von Trigema. In der Presse kommt er nicht immer gut weg. Er ist, darauf können sich sicher alle einigen, die über ihn geschrieben haben, ein Charaktertyp. Polarisierend, großzügiger Spender, streitbar, Familienmensch, Jäger, Verfechter von Müsliernährung, sehr gläubig, interessenorientierter Unternehmer, die Liste geht noch weiter. Ich komme jedenfalls nach Burladingen, um Trigema kennenzulernen und zu verstehen. Die Größe des Gruppschen Familiengrabes und ähnliches geht meines Erachtens niemanden außerhalb Burladingens etwas an.

 

Ich trinke in einem Besprechungsraum mit den Damen von Design und Marketing Kaffee aus einer Tasse mit, wie könnte es anders sein, Affe darauf, als das Telefon klingelt und der Firmenchef Zeit hat. Mein Bild aus dem Fernsehen bekommt erste Risse, als sie sehr normal und ruhig miteinander sprechen. Die Dame vom Marketing nimmt mir den Mantel ab, als ich mich auf der Toilette kurz frisch machen gehe.  

Wolfgang Grupp mit Men's Individual Fashion Gründer Christian Frosch. Photo: Men's Individual Fashion.
Wolfgang Grupp mit Men's Individual Fashion Gründer Christian Frosch. Photo: Men's Individual Fashion.

„Wer "in" ist, kann auch wieder "out" sein“


Als ich das Großraumbüro betrete, in dem auch der Firmenchef seinen Schreibtisch hat, erwarte ich   immernoch jemanden, der ständig unter Starkstrom steht. Doch es kommt anders. Ich treffe einen ernsten, aber nicht spaßfreien Modeunternehmer über 70, der ein gut organisiertes Unternehmen führt. Im Maßanzug mit weißem Einstecktuch und goldener Kragennadel ist er ein Unternehmer wie man ihn sich vorstellt. Ich habe das Gefühl, er hat wohl schon öfter Bekanntschaft mit Journalisten gemacht, die sich mehr für andere Dinge interessieren als für eine Modefirma, deren Geschichte es wert ist erzählt zu werden. Am Anfang prallen Welten aufeinander. Herr Grupp hat keinen Computer auf seinem Schreibtisch und ich betreibe eine Internetseite, auf der ich über Herrenmode schreibe. Ich bin mehr als einen Kopf größer, er hat Trigema erfolgreich durch die Irren und Wirren der letzten Jahrzehnte geführt. 

 

Wir haben ein freundliches Gespräch. Wir sprechen über Trigema und die Modewelt genauso wie über Deutschland und die Welt. Für Markenexperimente von Wettbewerbern hat er kein Verständnis. „Wer in ist, kann auch wieder out sein“, fasst er zusammen. Ich frage wofür Trigema steht, was Herrn Grupp zu verwirren scheint. Das Zeichen von Trigema ist die Schwinge. Die geschwungene Form soll wohl Sportlichkeit ausdrücken, haben mir seine Mitarbeiter erklärt. Made in Germany sei wichtig. 

 

Unser Gespräch wird deutlich besser als ich erzähle, dass ich bei meinen Auslandsaufenthalten vor allem gelernt habe, was für ein großartiges Land Deutschland ist. Wolfgang Grupp glaubt an die Vorteile des Standorts Deutschland und bezeichnet seine Mitarbeiter als Betriebsfamilie. Trigema garantiert Kindern von Mitarbeitern einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Das sei nicht nur soziales Engagement, das reduziere auch wirtschaftliche Risiken, sagt er von sich aus. Er weist während des Gesprächs immer wieder darauf hin, dass sich die Mode auch verkaufen muss, Image hin oder her. Diese Ehrlichkeit beeindruckt mich. Das Gespräch endet mit der Feststellung, dass es einen Grund gibt, warum er die Mitarbeiter hat, die er hat und ich die Freundin, die ich habe und warum es für uns beide funktioniert. Meine Antwort, ich würde es ihr ausrichten, erfreut den Familienmenschen Grupp sichtlich. Ich bedanke mich für Rundgang und Gespräch und sage ihm, ich sei sehr angetan, wie freundlich seine Mitarbeiter waren. Er meint nur es gebe Dinge, die er für normal halte, die aber anscheinend in dieser Welt nicht normal sind. Dann widmet er sich wieder mit äußerster Konzentration den Briefen auf seinem Schreibtisch als ob er einen Schalter umgelegt hätte. 

 

Nachdem ich über drei Stunden bei Trigema war und dort selbst für jemanden, der einen Artikel schreiben will, sehr gut behandelt wurde, verlasse ich bei strahlendem Sonnenschein Burladingen. Ich verstehe jetzt, warum Leute Trigema kaufen und warum die Mitarbeiter von Herrn Grupp vor ihrem Chef Respekt haben. 

Rundstrickverfahren. Photo: Men's Individual Fashion.
Rundstrickverfahren. Photo: Men's Individual Fashion.

 

Funktionell gut

  

Keine schicken Boutiquen, dafür aber sehr moderne Produktionstechnik auf der schwäbischen Alb. Was bietet Trigema also einem modeinteressiertem Mann? Trigema ist weder Armani noch Hermès (und will auch nicht so sein), aber hat etwas. Ordentlich produzierte und eher sportliche Mode für Menschen, die Wert auf Qualität legen. Wer das große Einkaufserlebnis sucht oder Prestige am Körper tragen will, ist bei Trigema falsch.

 

Qualität und Nachhaltigkeit bekommt der Mann allerdings in Reinform. 

Men’s Individual Fashion dankt Herrn Grupp und Trigema für die Gelegenheit das Unternehmen kennenzulernen. Diese Reportage ist ein journalistisches Porträt, das Men’s Individual Fashion angestoßen hat. Der Besuch in Burladingen fand bereits im Februar statt. 

 

www.trigema.de

http://www.textilbuendnis.com/index.php/de/

Ich habe mir einen Traum erfüllt und John Lobb in London besucht. Photo: Men's Individual Fashion.
Ich habe mir einen Traum erfüllt und John Lobb in London besucht. Photo: Men's Individual Fashion.

 

Der "Royal Warrant": Zu Besuch bei John Lobb

 

Das nächste Porträt erscheint im Rahmen der dreiteiligen Serie: Der „Royal Warrant“. Wir schreiben über unseren Besuch bei John Lobb, dem königlichen Schuhmacher, in London.