„Man kann sich ja langsam herantasten“

Gentleman Plauderrunde. Bernhard Roetzel (rechts) und Christian Frosch (links). Photo: Erill Fritz.
Gentleman Plauderrunde. Bernhard Roetzel (rechts) und Christian Frosch (links). Photo: Erill Fritz.

Teil 3: „Man sollte sich genau nach der Unternehmenskultur erkundigen“

 

28. Mai 2016

  

Letzter Teil der dreiteiligen Gesprächsreihe mit Bernhard Roetzel. Im dritten Teil der Gesprächsreihe geht es um Büromode, Uhren und generelle Stilhinweise

Junghans Uhr. Photo copyright: Junghans.
Junghans Uhr. Photo copyright: Junghans.

Die vorherige Auflage des „Gentleman“ wurde in 20 Sprachen übersetzt und gilt als internationales Standardwerk der klassischen Herrenmode. Deutschland ist nicht unbedingt ein Vorreiter der Herrenmode. Empfinden Sie Ihren großen Erfolg als ironisch?

 

Ja, ich habe oft darüber geschmunzelt, dass ausgerechnet ein Deutscher der Welt den britischen Look und den daraus abgeleiteten klassischen Stil erklärt. Aber wieso nicht? Es gibt ja auch gute deutsche Kochbuchautoren und Weinjournalisten. 

 

Es fällt auf, dass Uhren im Buch wenig Raum einnehmen. Warum?

 

Ich halte den Raum für ausreichend. Denn ich kann auch ohne Uhr perfekt im Sinne des Gentleman-Stil auftreten. Was nicht heißt, dass die Uhr, sofern man sie trägt, nicht wichtig ist. Aber genau genommen hat der ursprüngliche Gentleman keine Uhr nötig.

 

Die deutschen Uhrenhersteller Junghans und NOMOS Glashütte wachsen merklich, sehen Sie eine Wiederentdeckung der mechanischen Uhr?

  

Ja. Wobei es da in absoluten Zahlen um ein kleines Revival geht, wie beim Revival des Stils insgesamt. Die Mehrheit sieht keinen Sinn mehr in mechanischen Uhren. Aber das ist unwichtig. Der relativ kleine Anteil am Gesamtmarkt reicht für einige Hersteller aus.

 

Krawatte. Photo: Men's Individual Fashion.
Krawatte. Photo: Men's Individual Fashion.

Viele Männer kommen mit dem Thema klassische Herrenmode bei Vorstellungsgesprächen für Praktika und Festanstellungen das erste Mal in Kontakt. Was kann ein Mann für diese Gespräche modetechnisch beachten?

 

Man sollte sich genau nach der Unternehmenskultur erkundigen. Es gibt z. B. immer mehr Versicherungen, in denen die Krawatte explizit nicht mehr erwünscht ist. Vor zwanzig Jahren musste man davor warnen, underdressed zu sein. Heute ist man leicht overdressed. Generell kann man also nicht den förmlichen Businesslook empfehlen. Der gilt nur noch in wenigen Bereichen und auf ganz bestimmten Ebenen.

 

Wenn nun ein Mann sein Erscheinungsbild verbessern oder anpassen möchte, sagen wir zum Berufsstart, nach einer schmerzlichen Trennung oder anlässlich einer Beförderung: Was würden Sie ihm empfehlen?

  

Wer erst bei der Beförderung das Outfit verändert, kommt damit zu spät. Die Kleidung sollte von Anfang zeigen, wo ich hin will. Der neue Look nach der Trennung ist oft nicht von langer Dauer, doch das ist normal. Solche Phasen muss man durchleben. Auch wenn man demjenigen vielleicht raten möchte, dass er sich vielleicht nicht allzu radikal verändern sollte. Aber dieser Rat würde auf taube Ohren stoßen. Generelle Tipps zur Typveränderung kann ich in dem Fall aber nicht geben. Da sind die Wünsche zu unterschiedlich. 

 

Anzüge bei Gieves & Hawkes in London. Photo: Men's Individual Fashion.
Anzüge bei Gieves & Hawkes in London. Photo: Men's Individual Fashion.

Sie schreiben zunehmend über Maßkleidung, im „Gentleman“ und in ihrem Buch „Der Gentleman nach Maß“.  Schätzen die Männer diese Art der individuellen Kleidung wieder mehr wert?

 

Maßkleidung ist im Modehandel eines der wenigen Wachstumssegmente. Die handwerkliche Maßkleidung vom Schneider, Hemdenmacher oder Maßschuhmacher stellt innerhalb dieses Segments aber nur eine Mini-Nische dar. Generell wünschen sich zur Zeit viele Männer individualisierte Kleidung. Die wenigsten gehen deshalb aber zum Schneider. Gar nicht mal so sehr wegen der Preise für traditionelle Maßkleidung, eher aus Unfähigkeit, die dabei nötigen Entscheidungen zu treffen. Die wenigsten sind auch nur in der Lage ein Hemd nach Maß zu bestellen, geschweige denn einen Anzug oder ein Paar Schuhe.

 

Manche Männer schreckt die Investition in vernünftige Kleidung, Schuhe und Accessoires. Zu Recht?

  

Wenn ich nicht weiß, worauf ich mich einlasse, habe ich natürlich Angst, das Geld auszugeben. Dann ist es einfach sicherer, sich einen Anzug von der Stange zu kaufen. Aber man kann sich ja langsam herantasten. Vielleicht erstmal ein Anzug im Baukastensystem, dann Maßkonfektion und eventuell irgendwann der Schneideranzug. Der Appetit kommt manchmal mit dem Essen. Die Leute erkennen oft aber auch nicht, was sie mit Kleidung und Accessoires aus sich machen könnten. Gute Verkäufer zeigen das den Männern. Dann sind Preise meistens auch kein Thema mehr.

„Ich kleide mich gern auch mal lässig. Aber nie nachlässig“

Guter Stil eine Frage des Geldes? Photo: Men's Individual Fashion.
Guter Stil eine Frage des Geldes? Photo: Men's Individual Fashion.

Ist Stil eine Frage des Geldes? 

Ob Sie den Kopf frei haben für Stilfragen und mit dem Herzen dabei sein können, hat nichts mit dem Geld zu tun. Ich kenne Leute, die mit Kleidung vom Flohmarkt sehr stilvoll aussehen. Viele große Künstler des frühen zwanzigsten Jahrhunderts traten sehr elegant auf, obwohl sie bitterarm waren. 

Was spricht für oder gegen den Anzug von der Stange? 

Der Anzug von der Stange hat den nicht zu schlagenden Vorteil, dass man sieht, was man bekommt. Und wenn er passt, kann man ihn gleich mitnehmen. Von kleinen Änderungen abgesehen. Sein Nachteil besteht darin, dass er für eine Durchschnittsfigur gemacht ist. Ich war neulich mit einem Bekannten in einem Laden. Wir haben beide die gleiche Größe und haben deshalb einen Anzug anprobiert, der uns beiden gefallen hat. Es war erstaunlich, wie unterschiedlich wir darin aussahen.

Was sind die schlimmsten Modesünden, die Ihnen bei Männern regelmäßig begegnen? 

Ich gehe jetzt bewusst nicht auf die immer wieder genannten Fehler ein, wie die zu kurzen oder weißen Socken, die Kurzarmhemden oder die Kombi aus kurzen Hosen und Sandalen. Die sind seit langem bekannt. Wer sich so zeigt, macht das bewusst. Ich finde es viel bedauerlicher, dass viele Männer relativ viel Geld für Anzüge ausgeben, die überhaupt nicht sitzen. Meistens sind sie zu groß und zu weit und die Ärmel zu lang. Das liegt oftmals an den Verkäufern. Die lernen bei ihrer Ausbildung alles Mögliche, anscheinend aber nicht die Grundregeln der Passform. 

Haben Sie als Modebuchautor und Stilkritiker auch Vorbilder oder Idole? 

Kinder lernen durch Nachahmung. Und jeder, der etwas lernen will, auch. Keith Richard wollte wie Scotty Moore klingen, als er mit der Gitarre anfing. Ich wollte wie John Steed aussehen, der männliche Hauptdarsteller aus der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“. Später war Prince Charles eine wichtige Inspiration. Ich lasse mich immer noch von gut gekleideten Leuten inspirieren, kleide mich aber meistens nach meiner persönlichen Formel. 

Haben es Frauen in Kleiderfragen einfacher? 

Nein, denn sie müssen bei der Wahl ihrer Garderobe viel mehr Aspekte berücksichtigen. Und sie unterliegen einem größeren Erfolgsdruck, was nicht selten Leidensdruck erzeugt. 

Noch eine persönliche Frage: Sieht man Sie immer im Anzug oder gibt es Gelegenheiten zu denen auch Sie leger angezogen sind?  

Natürlich. Sehr oft sogar. Es geht ja darum, immer passend zur Situation gekleidet zu sein. Es wäre Unsinn, im dunkelblauen Anzug zur Grillparty zu gehen. Also gern auch mal lässig. Aber nie nachlässig.  

Herr Roetzel, wir danken Ihnen für diesen Mode- und Stilmarathon.  

Sehr gerne!

Das Interview mit Bernhard Roetzel führte Christian Frosch. Die letzten sechs Fragen entstammten dem Autoreninterview des Ullmann Verlages, für dessen Überlassung Men’s Individual Fashion sich herzlich bedankt.