"Man kann sich ja langsam herantasten"

Bernhard Roetzel. Photo: Erill Fritz.
Bernhard Roetzel. Photo: Erill Fritz.

Teil 2: "Es ist relativ leicht Männer für Schuhe zu begeistern"

 

21. Mai 2016

  

Im zweiten Teil spricht Bernhard Roetzel über englische Schuhe, verschiedene Macharten und Schuhe aus Deutschland. 

Britischer Herrenschuh. Photo: Men's Individual Fashion.
Britischer Herrenschuh. Photo: Men's Individual Fashion.

Herr Roetzel, Schuhe sind eines Ihrer Kernthemen. Jemand aus der Northampter Schuhindustrie sagte Men’s Individual Fashion einmal in einer Mischung aus Frustration und Entsetzen  „In Germany you can sell shoes nobody would buy in the entire world“. 

 

 

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Die breite Masse trägt überall auf der Welt sehr billige Schuhe minderwertigster Qualität. Die kleine Gruppe der Schuhkenner kennt sich in Deutschland nach meiner Beobachtung aber sehr gut aus, oftmals besser als die Herren in England. Allerdings gibt es in Deutschland eine Vorliebe für breite und kurze Schuhformen, das ist wirklich eine Eigenart. Diese Schuhe kommen dann aber selten aus Northampton. Dort wurde mir zu diesem Thema einmal gesagt, dass in Deutschland stets mehrere Trends gleichzeitig wichtig seien, z. B. Carréform und abgerundete Spitzen. In Frankreich oder Italien gilt dagegen immer nur ein Trend zur Zeit.

 

Was ist kulturell in Deutschland los, dass ein Mann ohne mit der Wimper zu zucken tausende von Euro in Autosonderausstattung steckt, aber anscheinend nicht bereit ist 200 bis 300 Euro für ein vernünftiges Paar Schuhe auszugeben? 

 

Die meisten Männer lieben Autos so wie der Schuh-Freak eben seine Schuhe liebt. Es ist sehr einfach, über das Auto Status und Geschmack auszudrücken. Und es steht immer noch für Freiheit und Unabhängigkeit. Ich glaube, dass das Auto durch die wachsende politische Verunsicherung auch weiter an Bedeutung gewinnen wird.  Das Auto wird zur fahrenden Festung, in der man sich abschotten kann. 

 

Also wissen deutsche Männer nicht um die Vorteile guter Schuhe?

 

Es herrscht Desinteresse aus Unkenntnis. Eigentlich ist relativ leicht, Männer für Schuhe zu interessieren und sogar zu begeistern. Es gibt Leute, die nie Anzug tragen, dafür aber Maßschuhe. Die Verkäufer im Schuhhandel sind aber zu 99 Prozent nicht in der Lage, den Mann für gute Schuhe zu begeistern, das können nur die kleinen Spezialisten.

 

1999 wurde der international bekannte englische Schuhhersteller Church’s an den italienischen Modekonzern Prada verkauft. Wie hat sich seitdem diese Marke entwickelt?

  

Ich gebe zu, dass ich seit damals nie wieder Schuhe von Church’s gekauft habe. Ich weiß aber, dass die Qualität bei Church’s wieder stimmt. Gerade neulich hat ein Freund sich das Modell „Sahara“ gekauft und er ist total begeistert. Prada hat damals vor allem die Modellpalette verkleinert und die Leistenauswahl zusammengestrichen. Der Handel war damals entsetzt und viele Händler sind erstmal abesprungen. Hauptprofiteur war sicherlich Crockett & Jones, die plötzlich als die Nr. 1 dastanden. Vielen alten Church’s-Kunden fehlte das Anheimelnde der Marke. Objektiv sind die Schuhe heute aber wahrscheinlich nicht schlechter als früher. Ich kann mich aber nach wie vor nicht mehr dafür erwärmen. Ich mochte die alte Modellpalette und das altmodische Styling der Verpackungen und Werbemittel.

„Crockett & Jones ist derzeit die Nummer eins“

Crockett & Jones Fabrik in Northampton, England. Photo: Men's Individual Fashion.
Crockett & Jones Fabrik in Northampton, England. Photo: Men's Individual Fashion.

 

 

 

Crockett & Jones hat die Schuhe für die beiden letzten James Bond Filme geliefert, Cheaney und Edward Green sind im Kommen, der gute Schuh ist also immer noch britisch?

  

Die Briten sind nach wie vor die Nr. 1 bei rahmengenähten Schuhen. Es gibt niemanden, der ihnen in diesem Bereich den Schneid abkaufen kann. Nicht umsonst sind die Italiener immer noch sehr versessen auf die britischen Traditionsmarken. Es gibt einige sehr gute Hersteller in Italien, die oft auch noch andere Macharten im Programm haben. Crockett & Jones liegt für mich ganz vorn. Cheaney und Grenson sind auch sehr gut und Edward Green sowieso. Wenn Sie jedoch die ganze Palette von Crockett & Jones betrachten und die gebotene Qualität, dann gibt es niemanden, der diese Manufaktur derzeit überbieten kann.

Rahmengenähter Schuh. Photo: Men's Individual Fashion.
Rahmengenähter Schuh. Photo: Men's Individual Fashion.

Viele italienische Qualitätsschuhe sind geklebt und etwas leichter als englische Schuhe. Geklebte Schuhe gelten oft als minderwertig, vor allem wenn sie in Deutschland hergestellt werden. Gibt es gut und schlecht geklebte Schuhe?

  

Natürlich, denn die Qualität des Leders und der anderen Zutaten spielt auch eine Rolle. Ein geklebter Frackpump aus gutem Kalbsleder ist natürlich besser als ein geklebter Schuh vom Discounter. Und selbst bei rahmengenähten Schuhen kommen Kleber zum Einsatz. Das ist auch gar nicht schlimm. In Deutschland haben wir einfach die Situation, dass die Hersteller sich schon in den 1970ern vom hochwertigen Schuh verabschiedet haben. Von einigen Spezialanbietern abgesehen, z. B. für zwiegenähte Wanderschuhe. Hier sind die Deutschen immer noch sehr gut.

Schuhmacherwerkzeug. Photo: Vickermann & Stoya.
Schuhmacherwerkzeug. Photo: Vickermann & Stoya.

Haben Sie einige Schuhnamen aus Deutschland, die sich ein modebewusster Mann anschauen kann?

 

Es gibt einige ganz ordentliche Schuhe verschiedener Qualitätsstufen, die in Deutschland entworfen und kalkuliert werden. Die Herstellung findet in aller Regel woanders statt. In der obersten Liga ist für mich Eduard Meier aus München die Nr. 1, ansonsten natürlich Kuckelkorn. Dinkelacker hat sehr eigene Leistenformen, die in der Regel nicht den modischen Mann ansprechen. Dafür aber viele Anzugträger, die mit der Passform der Briten und Italiener nicht glücklich sind. Bei den günstigeren bieten die Kollektionen von Shoe Passion, Prime Shoes oder auch Scarosso interessante Modelle. Scarosso bietet allerdings keine rahmengenähten Schuhe. Die rahmengenähte Hausmarke von Görtz ist auch nicht übel. Und dann gibt es mehrere kleine Marken, die teilweise ein geradezu kultiges Image haben, wie John Crocket in Köln. Wohlgemerkt werden diese Schuhe aber alle nicht in Deutschland gefertigt. 

 

Was ist mit Manufakturen aus Deutschland?

  

Wenn Sie einen in diesem Sinne wirklich deutschen Schuh suchen, müssen Sie schon bei Trabert oder Meindl suchen oder bei unseren Maßschuhmachern wie z. B. Vickermann & Stoya, Klemann oder Harai. Vielleicht auch bei Bertl. Ich glaube, dass seine zwiegenähten Modelle aus Deutschland stammen. Oder Sie kaufen bei dem deutschesten Hersteller überhaupt, bei Birkenstock. Von denen habe ich übrigens das Modell „Boston“.

 

 

Der dritte Teil erscheint am Samstag, den 28. Mai 2016 um 10 Uhr.

 

Newsletter Abonnenten bekommen das Interview bereits am Freitagabend um 20 Uhr zugeschickt. 

Maßschuhmacher Matthias Vickermann. Photo: Men's Individual Fashion.
Maßschuhmacher Matthias Vickermann. Photo: Men's Individual Fashion.

Der Royal Warrant, Teil 3: Das Allerheiligste der Schuhmacherwelt

 

21. Oktober 2015

Von Christian Frosch mit Mitarbeit von Christine Fröhlich

 

In der Modewelt gibt es drei Dinge, die für Männer unumstritten sind. James Bond war, ist und wird auch weiterhin das Rolemodel für klassische Herrenmode sein. Armani und Eleganz kann man gleichsetzen. Und John Lobb ist der renommierteste Schuhmacher der Welt.

 

Men’s Individual Fashion war dort.

 

Zum John Lobb Porträt…