"Man kann sich ja langsam herantasten"

Bernhard Roetzel. Photo: Erill Fritz.
Bernhard Roetzel. Photo: Erill Fritz.

Teil 1: „Vielleicht soll der Bart ja zeigen, dass Männer Männer sein wollen“

 

14. Mai 2015

 

Im ersten Teil der Gesprächsreihe kommentiert Bernhard Roetzel, Autor des Weltbestsellers "Der Gentleman", den „Hipster“, Bärte und die Rolle von Accessoires

Bärte sind im Kommen. Photo: Frederik Dulay Winkler.
Bärte sind im Kommen. Photo: Frederik Dulay Winkler.

Herr Roetzel, seit der Erstauflage sind 17 Jahre, seit der letzten Aktualisierung sind sieben Jahre vergangen. Was hat sich seitdem in der Welt der Herrenmode verändert?

 

Auf der einen Seite ist ein Verfall der modischen Sitten zu beobachten. Männer treten immer formloser auf, bewusst und auch aus Unkenntnis. Andererseits gibt es immer mehr junge bis sehr junge Männer, die äußerst interessiert an Mode und besonders am klassischen Stil sind. Sie sind oftmals auch bestens informiert.

 

Seit einigen Jahren gibt es sogenannte „Hipster“, die einen besonderen Stil pflegen. Gibt es eine Entwicklung hin zum Auffallen, zur Individualität?

 

Die sogenannten Hipster gehören zu den interessierten und informierten Männern, denn das Spiel mit Versatzstücken verschiedener Stilrichtungen und modischen Zitaten setzt die Beschäftigung mit Modegeschichte und Pop-Kultur voraus. Der Hipster will sicherlich auffallen, wie individuell der Einzelne ist, sei dahingestellt. Wobei echte Individualität sehr selten ist und eigentlich auch nicht gefragt, denn der Mensch ist ein soziales Wesen, das sich nicht ausgrenzen möchte.

 

Pomade. Photo: PomadeShop.
Pomade. Photo: PomadeShop.

 

Barbershops sind groß im Kommen. In Ihrem Buch widmen Sie Bart und Haar viel Raum, auch der „Hipster“ trägt oft auffällige Bärte. Was können Männer mit Frisur und Bart kommunizieren?

 

Haar- und Barttracht waren schon immer wichtige Ausdrucksmittel, wenn nicht die wichtigsten überhaupt. Denn mit ihnen können wir selbst ohne Kleidung etwas ausdrücken. Der Vollbart soll wohl die Männlichkeit unterstreichen, denn der Bart ist etwas, was die Frauen nicht imitieren können. So war der Vollbart im 19. Jahrhundert zu einem bestimmten Zeitpunkt auch eine Reaktion auf die beginnende Frauenbewegung. Vielleicht soll er heute auch zeigen, dass Männer – trotz gewandelter Rollen – Männer sein wollen.

 

Neu im Buch ist eine Doppelseite über Pomade. Was macht den Reiz diese speziellen Form der Haarbehandlung für Gentlemen aus?

   

Die Pomade war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Ausdruck von Gepflegtheit. Das Haar wurde gebändigt so wie die Schuhe poliert wurden. Dann kam die Frisurenrevolution der 1960er, die alles umdrehte. Das Haar wurde nicht mehr aus dem Gesicht gekämmt und im Nacken abrasiert, das Gegenteil war angesagt: Es fiel in die Stirn und wuchs bis runter auf den Kragen. Pomade war da überflüssig. Derzeit soll das Haar wieder gebändigt werden, da Form bei einigen Männern wieder gefragt ist.

Einstecktücher. Photo: Men's Individual Fashion.
Einstecktücher. Photo: Men's Individual Fashion.

„Accessoires sind die Würze des Outfits“

 

Das längste Kapitel widmen Sie den Accessoires. Welche Bedeutung haben sie für den Stil eines Mannes?

 

Accessoires setzen wichtige Akzente. Sie sind gewissermaßen die Würze des Outfits. Für den Handel sind sie seit vielen Jahren einer der wenigen und wichtigsten Wachstumsbereiche des Sortiments.

 

Sie decken in Ihrem Buch ein breites Spektrum ab: Schuhe, Anzüge, Hemden, Grooming-Themen, sowie Uhren und andere Accessoires. Bei was ist die Begeisterung der meisten Männer am größten?

 

Nach meiner Beobachtung liegen Schuhe ganz weit vorn. Das sehe ich auch bei meinen Posts im Internet. Wenn es sich um Schuhe dreht, bekommen sie die meiste Aufmerksamkeit.

  

Sind es die Details der Kleidung oder die grundsätzliche Entscheidung für ein bestimmtes Stück, die einen großen Effekt auf das Aussehen haben?

 

Hier kommt es auf das Zusammenspiel an. Zuerst fällt ja meistens die Entscheidung über die große Linie: Anzug oder Smart-Casual, Smoking oder dunkler Anzug. Die Feinheiten kommen danach durch die Details, z. B. durch die Farbe der Strümpfe oder das Dessin (Anmerkung MIF: Muster) des Einstecktuchs.

 

Was sind die Besonderheiten der Büromode?

 

Hier muss immer abgewogen werden zwischen Uniformität und Individualität. Letztere darf im engen Rahmen der Konventionen gezeigt werden. Das ist eine Kunst, die immer weniger Männer beherrschen.

 

Barbour kommt in der Neuauflage weniger gut weg, warum?

   

Barbour hat sich sehr verändert. Das ist aus Sicht dieser Marke vielleicht notwendig gewesen. Barbour konnte nicht allein von der immer kleiner werdenden Gruppe der eingefleischten England-Fans und der echten Sloane-Rangers weiter existieren. Aber durch die Verbreiterung des Sortiments ist natürlich ein Teil des Charmes verloren gegangen. Die Neukunden merken das nicht. Und auf die wenigen, die sich z. B. daran stören, dass der Schriftzug auf der Patte (Anmerkung MIF: Aufgesetztes Stoffteil) der Tasche zu sehen ist, kann die Firma wahrscheinlich verzichten. Ich trage tatsächlich nur alte Barbourjacken.

Teil 2: „Es ist relativ leicht Männer für Schuhe zu begeistern“

 

 

Der zweite Teil erscheint am Samstag, den 21. Mai 2016 um 10 Uhr.

 

Newsletter Abonnenten bekommen das Interview bereits am Freitagabend um 20 Uhr zugeschickt.

 

Secretary Peck. Photo: Men's Individual Fashion.
Secretary Peck. Photo: Men's Individual Fashion.

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