„Die Nassrasur ist auf dem Vormarsch“

Interview mit Mühle-Chef Andreas Müller über die Nassrasur, die Kunstfaser „Fibre“ und die Marke Mühle.

 

31. Januar 2016 

Dachshaare. Photo: Men's Individual Fashion.
Dachshaare. Photo: Men's Individual Fashion.

Herr Müller, merken Sie, dass das Thema Nassrasur zunehmend kommt?

 

Oh ja! Definitiv. Mühle profitiert sehr vom aktuellen Trend hin zur Nassrasur. 

 

Wir haben eine Gillette Studie gelesen, nach der sich ca. 40 % der deutschen Männer nass rasieren.

 

Ja, das war immer recht ausgeglichen, die Nassrasur lag immer etwas zurück oder gleich auf. Inzwischen hat die Nassrasur ein bisschen die Nase vorne. Ich führe das auch auf die guten Klingensysteme zurück, die Gillette und Wilkinson auf den Markt gebracht haben. Die traditionelle Nassrasur mit Rasierpinsel und Rasierhobel gewinnt aber auch mehr Anhänger.

 

Das merkt man auch daran, dass es in Deutschland immer mehr Barber Shops gibt. Die Kultur ändert sich: Fragen des Stils, Zeit für sich nehmen und wie pflegt man sich richtig, diese Sachen werden immer relevanter.

 

Merken Sie kulturelle Unterschiede? Ist zum Beispiel der Amerikaner eher Anhänger der Nassrasur als der Deutsche?

 

Ja, es gibt schon gewisse kulturelle Unterschiede. Ich würde aber sagen, dass der Trend zur Nassrasur global ist. Es gibt Sachen, die derzeit weltweit funktionieren, und das sind hand made Burger, Craft Beer und Barber Shops (wir müssen alle laut lachen).

 

In Deutschland waren die Leute in den 60er und 70er Jahren sehr fortschrittsgläubig und haben auf die Technik des Trockenrasierers gesetzt. In den späten 80er und frühen 90er Jahren hatte es der Rasierpinsel in Deutschland sehr schwer. In Ländern wie England, Frankreich und Italien hatte der Rasierpinsel durchgehend eine große Bedeutung.

 

Wir haben Sie bei der Vorbereitung des Termins versehentlich als Herr Mühle angeschrieben. Woher kommt eigentlich der Name Mühle?

  

Marketing (lacht). Das mit dem Namen passiert oft. Unser Großvater, der Mühle gegründet hat, (Anmerkung: Mühle wird von den Brüdern Andreas und Christian Müller geführt) kam aus dem Krieg zurück und wollte eine Marke schaffen mit einem Zeichen, das dem Familiennamen ähnelt. Müller war ihm wohl zu einfach, da wählte er Mühle und das Logo einer Windmühle. Hat sich halt unser Opa so ausgedacht (lächelt)

Andreas Müller (rechts) und Men's Individual Fashion Gründer Christian Frosch (links). Photo: Men's Individual Fashion.
Andreas Müller (rechts) und Men's Individual Fashion Gründer Christian Frosch (links). Photo: Men's Individual Fashion.

„Die Kunstfaser hat erhebliche Vorteile“

 

Mühle hat einen Rasierpinsel mit synthetischer Faser entwickelt. Was war der Hintergrund?

 

Die Kunstfaser hat erhebliche Vorteile. Wir wollten den Rasierpinsel neu denken, auch wenn sich das jetzt etwas hochgegriffen anhört. Wir wollen nicht nur das Dachshaar imitieren. Wir haben uns gefragt: Wie würde der ideale Rasierpinsel aussehen? Bis dato war der ideale Rasierpinsel aus Dachshaar, eng gebunden und dadurch wurde er etwas fester denn Dachshaar "klappt" im nassen Zustand auseinander. Silberspitz-Rasierpinsel mit ganz viel Material galten deswegen als besonders gut.

 

Der Nachteil war, dass ein dicht gebundener Dachshaarpinsel nicht richtig durchtrocknet und sehr schwer zu reinigen ist. Ansonsten sorgen die alkalischen Seifen/Schaumrückstände dafür, dass über kurz oder lang die Haare ausfallen, wenn man nicht sorgfältig auswäscht. Wenn man einen guten Pinsel hatte, hatte man irgendwann auch Probleme damit.

 

Und das kann „Fibre“ nun besser?

 

Genau. Bei der Entwicklung von „Black Fibre" und "Silvertip Fibre“ wollten wir dieses Rückgrat mit der Kunstfaser hinbekommen, trotzdem sollten diese Pinsel ganz weich an den Spitzen und auch nicht so pflegeaufwendig sein damit man den Pinsel auch mal im feuchten Zustand in die Kulturtasche geben kann. Die meisten Männer sind nicht so, dass sie morgens Rasierpinsel ganz gründlich reinigen wollen. Ich persönlich verwende keinen Dachshaarpinsel mehr, der „Fibre“ kann halt deutlich mehr.

 

Wir haben das vorhin in der Manufaktur diskutiert, was denn nun besser ist…

 

Für manche hat der Dachs als Naturprodukt eine gewisse Aura oder Erotik. Wenn man den Leuten die Vorteile erklärt, wählen sie den Fibre-Pinsel, auch wenn der Dachshaarpinsel natürlich etabliert ist. Das ist auch eine Idee der Leidensminimierung. Auch wenn der Dachs nicht bestandsgefährdet ist, gibt es mit Fibre eine vegane Alternative.

 

Mühle bietet sowohl Griffe für Klingen von Herstellern wie Gillette oder Wilkinson an, gleichzeitig aber auch den traditionellen Rasierhobel…

 

…unser Kernprodukt ist der Rasierpinsel. Der Rasierhobel kam später in unser Angebot und ist nun wichtig für uns, vor allem in den Wachstumsmärkten, wo wir mehr über den Hobel als über den Rasierpinsel wahrgenommen werden. Gillette hat sich über die Jahre als Klingenhersteller für viele etabliert und wir bieten Griffe aus verschiedensten Materialien dafür an.

 

Als Schwaben müssen wir feststellen, finanziell und von der Handhabung her spricht alles für den Hobel… (wir müssen wieder alle lachen)

 

Ja, so ist es. Finanziell rechnet sich die Anschaffung schnell. Auch wenn man eine Rasierhobelklinge öfter wechseln muss als zum Beispiel eine Gillette Klinge, lohnt sich das sehr, sehr schnell.

 

Was muss ein Mann denn bei der Benutzung eines Rasierhobels beachten?

 

Der Mann sollte den Bart gut einseifen, so dass er richtig weich wird, damit nichts zupft und die Klinge nicht an einem Barthaar hängen bleibt. Mit dem Rasierhobel muss man schon etwas sorgfältiger sein und mit Bedacht rasieren. Das ist bei mir zum Beispiel auch tagesformabhängig, manchmal tauchen ein paar rote Blutpünktchen auf und am nächsten Tag trotz gleicher Klinge ist alles wunderbar. 

 

Die Generationen vor uns haben das auch gut hinbekommen ohne ständig zerschnitten auszusehen, die haben sich sehr gut rasiert. Generell liefert der Hobel nach etwas Gewöhnung ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis.

 

Wir haben gehört, Sie haben in Fernost einen Laden eröffnet…

 

Ja, in China haben wir mittlerweile drei Läden. Deutschland ist der Hauptmarkt, aber wir verkaufen auch viel im Ausland. Vor allem in Russland, England, USA, aber auch Japan wird zunehmend wichtiger. Unser Marktanteil in Norwegen ist übrigens sehr hoch, was sicher auch an unserem Vertriebspartner dort liegt. Aber eine schöne Vorstellung, dass wenn sich drei Norweger treffen, mindestens einer davon ein Mühle Produkt hat.

 

Herr Müller, wir danken Ihnen für das spannende Gespräch.

  

Gern geschehen. 

 

Das Gespräch mit Andreas Müller führten Joe Shave und Christian Frosch. Christine Fröhlich assistierte beim Besuch des Unternehmenssitzes von Mühle Rasierkultur im Erzgebirge und bei der Übersetzung des Interviews.

 

Pflege/Grooming

 

 

Ob beim Anziehen fürs Date, im Büro und ganz generell: Sich um sich zu kümmern ist wichtig, zeugt von Selbstrespekt und befördert das Wohlfühlen.

 

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