Zu Besuch bei John Lobb in London Das Allerheiligste der Schuhmacherwelt

In der Modewelt gibt es drei Dinge, die für Männer unumstritten sind. James Bond war, ist und wird auch weiterhin das Rolemodel für klassische Herrenmode sein. Armani und Eleganz kann man gleichsetzen. Und John Lobb ist der renommierteste Schuhmacher der Welt. Men’s Individual Fashion war dort.

Treffen mit der Geschichte

Irgendwie war schon immer klar, dass ich einmal an diesem fast schon magischen Ort sein würde. Lange war es ein Traum. Am 08. April 2015 wurde er Wirklichkeit. Ich liebe Schuhe über alles. Begonnen hatte es mit gestreiften Turnschuhen, die ein Schulfreund von mir hatte. Viele Jahre später schenkt mir ein Freund das Buch von Bernhard Rötzel, „Der Gentleman- Handbuch der klassischen Herrenmode“. Das war die Initialzündung für eine große Leidenschaft.

Das Allerheiligste der Schumacherwelt liegt in St. James Street Nr. 9 in London. Dort hat John Lobb, der berühmteste Schuhmacher der Welt seinen Sitz und Men’s Individual Fashion einen Termin. Ich lade unsere großartige Fotoassistentin Christine auf ein Frühstück in der Nähe ein. Auf dem Weg dorthin bin ich sehr schweigsam. Sie fragt mich mehrmals, ob alles in Ordnung sei. Sehr ernst würde ich schauen. Ja, ich bereite mich mental darauf vor, eine Legende zu erleben. Wir betreten also das Geschäft eines Schuhmachers, den es seit 1849 gibt.

In diesem Geschäft scheint die Zeit stillzustehen. Schuhmacher gehen konzentriert und ruhig ihrer Arbeit nach. Wenn ich nicht wüsste, dass die Familie Lobb über Email kommuniziert und eine Internetseite betreibt, könnte man glauben, dass hier immernoch mit Papierbuchführung gearbeitet wird. Die Bürostühle sind aus Holz. Der Blick aus dem Fenster zeigt die beiden Royal Warrants von hinten, die John Lobb derzeit hält.

Traditionsreiche Schuhmacherwerkstatt

Bei unserem Rundgang durch die Werkstatt und in den Keller fällt mir auf, dass immer wieder Späne herumliegen. In roten Schuhboxen werden die fertigen Maßschuhe gelagert, die Namen ihrer künftigen und meist prominenten Eigentümer kleben daran (wir haben aus Diskretionsgründen das Bild großflächig retouschiert). Auch wenn es historisch aussieht, wird hier gearbeitet und die Entschuldigung des Gastgebers, es sei nun mal eine Werkstatt, wäre unnötig, würde der Eingangsbereich nicht so aussehen, als ob Königin Victoria hier wohnen würde. An der Wand hängen die königlichen Verleihungsurkunden. Wäre dieses Gebäude ein Museum, ich könnte Stunden hierbleiben. Nicholas Lobb, der in der fünften Generation in dem Familiengeschäft tätig ist, führt uns herum.

Es begann mit einem Reitstiefel

Sein Ur-ur- Großvater John Lobb, der 1895 starb, war zuerst in Australien als Schuhmacher tätig, bis er nach England zurückkam und in London die legendäre Schuhwerkstatt eröffnete. Er machte sich einen Namen als er unaufgefordert ein extravagantes Paar Reitstiefel an die britische Krone schickte und daraufhin zum Hoflieferanten ernannt wurde.

Nicholas Lobb nennt diesen historischen Schachzug einen „mutigen Schritt“. Seinem Vater haben der heutige Thronfolger Prinz Charles und Prinz Philipp, der Mann der Königin, das Siegel des königliche Hoflieferanten verliehen. Königin Elisabeth II. hat ihr Siegel 2008 nicht verlängert. Auch wenn ich die Details weder kenne noch erfahren werde, spekuliere ich, dass eine 89 jährige Königin, die wohl lange Kundin war, wohl nicht mehr viele neuen Maßschuhe dieser Qualität braucht. Es klafft trotzdem eine Lücke in der Fassade.

Der andere gleichnamige Schuhhersteller John Lobb, ist die ehemalige Pariser Niederlassung, die John Lobb an den französischen Konzern Hermès verkauft hat und zu dem die Werkstatt freundschaftliche Beziehungen unterhält. John Lobb Paris stellt sowohl Maß- als auch Konfektionsschuhe her.

Während unseres Rundgangs betritt ein britischer Gentleman das Geschäft, Nicholas Lobb weist sehr ruhig und selbstverständlich seine Mitarbeiter darauf hin, dass ein Kunde zu begrüßen sei, was diese in der gleichen Ruhe und Selbstverständlichkeit sogleich erledigen.

30 Mitarbeiter arbeiten in der Werkstatt, nocheinmal so viele von zu Hause aus. Die Lobb Familie nennt sie „piece by piece“ Arbeiter. Als ich den Begriff „freelancer“ (freier Mitarbeiter) ins Spiel bringe, bedeutet man mir, das sei ein moderner Begriff, der nicht zum Unternehmen passe. Sechs bis neun Monate dauert das erste Paar in der Regel, bei Bedarf auch schneller („Ein Paar neulich mussten wir innerhalb eines Monats fertig haben“). John Lobb rechnet in größeren Einheiten als Stunden, meine Frage nach der Gesamtarbeitszeit löst Verwunderung aus.

Es ist Firmenpolitik, dass die Mitarbeiter ihr eigenes Tempo arbeiten, auch in der Ausbildung. Im Gegensatz zum Wettbewerber Fosters stellt John Lobb keine ready to wear Schuhe her, sondern beschränkt sich ganz auf die Kernkompetenz Maßschuhe. Anhand der Fußform wird ein Leiste aus Holz hergestellt, der die Grundlage für den Maßschuh bildet. Ein seit 24 Jahren bei John Lobb beschäftigter Schuhmacher hat vor einiger Zeit gesagt, er habe nun eine neue Phase der Schuhmacherkunst erreicht.

Im Keller lagern 16000 Maßleisten. Zwei Jahrzehnte bewahrt John Lobb die Leisten auf, dann erfragt die Schuhmacherwerkstatt, ob weiterer Bedarf bestünde. Im Keller lagern Leisten von Politikern, Managern, Schauspielern, Bankern, Anwälten und natürlich der Royals. Unbekannt ist, ob man sich einen Lagerort je nach Sympathiegrad wünschen darf. Mir werden die historischen Leisten von Frank Sinatra gezeigt. Aber auch traditionsbewusste, ganz normale Briten „Leute, von denen Sie es niemals erwarten würden“ seien bei John Lobb Kunde.

Ein Teil britischer Identität

Im zweiten Weltkrieg wollte John Lobb angesichts der deutschen Angriffe den Betrieb einstellen. Die britische Regierung verfügte, dies sei unerwünscht. Das Volk könnte sonst den Glauben verlieren, wenn eine modische Institution nicht weitermacht. Mit Hilfe der Royal Navy wurden die Schuhe dann trotz Krieg in alle Welt verschifft.

John Lobb schickt auch heute noch zweimal im Jahr Vertreter ins Ausland um dort Kunden zu treffen, vor allem in Amerika, Europa und dem Fernen Osten. Nicholas Lobb hat zwei Brüder, die Schuhmacher sind und zusammen mit dem angestellten Personal die Kundschaft versorgen. Mit Leder, Werkzeug und einer Auswahl fertiger Schuhe zum Vorzeigen ziehen sie los und bieten in Hotels den gleichen Service, der den Kunden auch in der St. James Street erwartet.

Während andere Schuhmacher mit Probeschuhen vor dem eigentlichen Maßschuh arbeiten, nimmt John Lobb in der Regel nur einmal Maß. „Wir machen es auf die traditionelle Art, es hat sich bewährt“, sagt Lobb. Ich bin tief beeindruckt, als er in ehrlichem Stolz sagt, es sei ein Privileg ins Ausland zu liefern und ich mache mir klar, dass diese Worte aus der wohl renommiertesten Schuhmacherwerkstatt der Welt kommen. Tage später werde ich in der Londoner Underground das Plakat eines Getränkeherstellers mit ganz anderen Augen sehen: „Men have status, boys are busy updating theirs“ stand darauf.

„Quality will always count“

2009 schrieb die Times über den königlichen Besuch von Prinz Charles, er habe bei seinem Besuch ein Paar Schuhe von John Lobb getragen, welches 40 Jahre alt sei. „Quality will always count“ hat er bei dem Besuch gesagt. Ich frage Nicholas Lobb, wie es denn nun sei mit den königlichen Schuhen. Eine definitive Antwort bei so viel Diskretion hätte mich sehr gewundert, aber immerhin „Prinz Charles benutzt seine Dinge“.

Nicholas Lobb trägt selbst Raulederschuhe des Hauses und möchte nichts anderes mehr tragen, weil sie so bequem seien. Sehr sehr lange würden sie halten die Lobb Schuhe, aber Zauberschuhe seien sie nicht. Nicht nur Qualität und Service sind erstklassig, die Preise sind es auch. Knapp 5000 Euro kostet ein Paar Maßschuhe bei John Lobb. „Wir haben viele Wettbewerber“ sagt Lobb. Ganz in der Nähe in der Jermyn Street geht der Konkurrent Fosters zu ähnlichen Preisen seinen Geschäften nach. Die erstklassigen Schuhhersteller Crockett & Jones, Cheaney und GM Weston bieten zu deutlich niedrigeren Preisen sehr gute Konfektionsware an.

Und so ist es umso erstaunlicher, dass John Lobb immernoch als Zentrum der Schuhwelt gilt. Davon abgesehen war es unglaublich beeindruckend, wie viel Leidenschaft und Bescheidenheit wir in dieser besonderen Schuhmacherwerkstatt erleben durften. Egal, ob man sich nun für einen Maßschuh entscheidet, ist das etwas von dem jeder eine Menge lernen kann.

Mitarbeit: Christine Fröhlich

 

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